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Briefe an meine Mutter

Liebe Mama, oh ja, viele Deiner Ausführungen treffen mitten ins Schwarze und auch - ich darf es gestehen - noch mehr mitten ins Herz! Tatsächlich will ich mich zurzeit von Dir und Papa abgrenzen. Dies fällt mir nicht leicht, nein, es ist sauschwer und in gechilltem Modus nicht erreichbar. Es tut weh! Aber, wie soll es anders gehen als unter Schmerzen? Bin ich doch die letzten Jahre Eurem "Goodwill" komplett ausgeliefert gewesen. Das hat mich so was von angekotzt! Aber so was von! Ich brauche Distanz zu Euch, weil ich sonst niemals erwachsen kann. Zeitweise habt Ihr mir mit eurer Fürsorge die Luft abgeschnürt. Mit Euren kleinlichen Sorgen und ständigem Besserwissen, was denn gut für mich wäre. Warum können Eltern ihre Kinder nicht einfach loslassen. Spätestens, wenn Kinder anfangen einigermaßen sicher zu laufen, sollten Eltern wegschauen können. Aber nein, immer geht Euer guter Rat eigener Erfahrung voraus. Mit den großspurigen Wort "Liebe" auf Eurem Kriegszug zur Ve...

Freundlichkeit

Reden wir über ein Wort. Reden wir über das Wort Freundlichkeit. Es handelt sich um deine Metapher. Eine ausgesucht wohltuende. Man muss nicht einmal die Augen schließen; hört man dieses Wort, stellt sich augenblicklich Ruhe ein. Der Puls verlangsamt sich, die Zeit vergeht irgendwie...harmonischer? Lediglich Der oder Die, die oder der manipulative Beweggründe hinter einer allzu unglaubwürdig hervorgebrachten - um nicht zu sagen würdelos hervorgebracht - Erscheinungsform derselben wäre zu recht alarmiert. Bleiben wir bei der befriedenden Metapher des Wortes und untersuchen wir sie. (eine gründliche Untersuchung benötigt Zeit; daher erfolgt die Fortsetzung auch mit und in angemessener Zeit - quod erst demontrandum) 

Brief an den Sohn

Lieber Sohn, Wie geht es Dir? Du lässt nichts von Dir hören. Gesehen haben wir uns vor Monaten das letzte Mal. Gespräche verweigerst Du kategorisch. Welchen Grund gibt es dafür? Was habe ich damit zu tun? Sagst Du aber zu Recht: "Hättet Ihr mir doch bloß MEHR geboten, dann könnte ich mein Leben unbeschwerter Leben!" Ich müsste diesem Anspruch entgegnen: "Richtig! Blickst Du aber mit einem anderen Auge darauf, dann erst wird es um vieles unbeschwerter!" Es geht doch um Dein Leben, wie Du es führst. Dass Du es überhaupt führen kannst, ist Dir durch unser Leben geschenkt worden. Mit aller ihm innewohnender Verantwortung!  Nicht, dass es nicht dein gutes Recht wäre, auf Distanz zu gehen. Distanz ist wichtig, wie sollte man sonst ein selbstbestimmtes Leben führen? Man könnte sogar sagen: ohne Distanz kann man kein Mensch sein. Ein jeder ist seines Glückes Schmied. Sagt es uns doch schon der Volksmund. Wobei? Glücklicher kann Dich eine radikale Abwendung vor deinen Wurzel...

Der Herr Christian

Es gibt ihn noch. Den Herrn Ober, genauer: den Wiener Herrn Ober, der hier in dieser Stadt weit mehr ist als nur ein eilfertiger Servierer von Speisen und Getränken in Gaststätten. Weltweit bekannt ist er in seiner stilvollen Attitüde. Beflissen, stets reserviert. Gerüstet mit gesundem Schmäh, das ja, den schmalen Grad jedoch zum "Goscherten", wie es im hiesigen Idiom so treffend heißt, auf elegantem Wege meidend. Nie laut. Selten zu schnell. Die Zeit darf gemächlicher vergehen im Wiener Kaffeehaus. Der Herr Ober ist ein Wiener Kulturgut.  Und man erlebt ihn im Café Dommayer in Hietzing. Hatte man das Vergnügen Herrn Christian, in seiner Dienstkleidung eine stets ebenso wichtige wie formvollendete Erscheinung, zu erleben, dann war man als Gast in Kürze fasziniert davon, mit welcher nonchalanten Gelassenheit und selbstverständlicher Heiterkeit man von ihm bedient wurde. Jeder Handgriff saß. Jede Einlassung auf die Wünsche des Gastes kultivierte Emphatik. Nie unnötig devo...

Kommt am Ende wirklich immer der Schluss?

Die Proben zu frauJEDERmann wurden - deutlich gezeichnet von der verordneten Distanz - wieder aufgenommen. Und das war wichtig und so wohltuend! Unser wahrlich unermüdlicher Impressario Marcus Marschalek steht und lebt für das Gelingen des ehrgeizigen und herausfordernden Projekts und alle Beteiligten leben dadurch weiter mit frauJEDERmann. Vermutlich niemand, der dabei war, konnte sich dieser positiven Energie entziehen. Und es war wirklich erstaunlich, mit welch "virulentem" Schwung das "geistig Spiel" nach der Pause wieder in Gang kam. In Kleinstgruppen mit viel Freude und Elan erarbeitet, nimmt das Projekt weiter Fahrt auf. So ganz nebenher hat Marcus in einer Pause zwischen zwei Proben einen kurzen Diskurs über die (mögliche) Wirkung des Jedermann-Themas in unserer Inszenierung in den Raum gestellt. Die Argumentationslinien lassen sich hier in Kürze nicht darstellen. Jedenfalls ist ein Auftrag an uns Schauspielerinnen damit verbunden. Haben wir Marcus in seinen...

Gedanken jenseits Corona

"Er gehört gar nicht zur Welt, er tritt ihr nur gegenüber" liest man im aktuellen Buch Pascal Merciers "Das Gewicht der Worte" und weiter "Keine Ahnung, ob das einen Sinn ergibt, aber das dachte ich." Wenn man die Schriften Pascal Merciers liest, dann kann man bald ein Gefühl dafür bekommen, wie sehr Sprache und deren Wortkonfigurationen den Sinn des Gesagten tragen. Ein Sinn könnte sich etwa darin finden, dass man Gesagtes hinsichtlich seiner vielen inhärenten Botschaften de(kons)truiert und dann neu (konstruktiv) zusammensetzt.  Der Satz "Er gehört gar nicht zur Welt, er tritt ihr nur gegenüber", macht so gesehen sehr wohl Sinn. Denn: träten wir der Welt nicht gegenüber, könnten wir sie, weil "ihr angehörig", ohne diesen Kunstgriff nicht in den Blick bekommen, da wir Teil ihrer selbst wären. Erst im Zustand der Distanz erscheint mit um so größerer Wahrscheinlichkeit ein etwas anderes Bild von  Wahrheit   ausserhalb unserer selbst.  N...

Verlust der Mitte - im Lichtspiel von Glasperlen

Es ist ausgerufen. Es hat jeden Winkel unseres Seins erobert. Seine Logik ist allumfänglich und anerkennt nichts anderes mehr, als die Erkenntnis seiner selbst. Willkommen im Zeitalter des Anthropozäns. Die Beherrschbarmachung der stofflichen Welt, eine nach recht einfachen mathematischen Formeln berechenbare Weltmechanik, erweitert um hochkomplexe Annahmen in kosmischen und subatomaren Beziehungsfeldern, ki8scheint die Geheimnisse der Schöpfung so weit entschlüsselt zu haben, dass sie durch Naturwissenschaften utilisiert werden kann.  Gleichwohl sollten die Herren der Welt dessen nicht allzu sicher sein. Gemessen an den weltweit tagesaktuell hinzukommenden Problemen, scheinen nachhaltig wirkende Lösungen weiter entfernt denn je. So gesehen sind die Erzählungen von der Vertreibung aus dem Paradies, durch die der Mensch gottgleich dazu verdammt wurde zu unterscheiden zwischen Gut und Böse, der Beginn des ewig fortdauernden Prozesses vom Problemlösen (Karl Popper). Der Apfel am Baum ...

Radikal denken - Besonnen handeln, oder: die GRÜNE Vernunft

Das Virus hat die Welt pandemisch im Griff. Physisch wie psychisch. Wir wissen sehr viel und absurderweise vielleicht auch gerade deshalb noch viel zu wenig. Die Sinnhaftigkeit unseres aktuellen Gesundheitssystem wird quasi durch die verordneten Maßnahmen gegen die Pandemie im positiven Sinne pandemisch virulent. Es bedarf möglicherweise einer fundamentalen Revision.  Das Virus stellt das Individuum vor die Frage, wie es sich vor ihm schützen kann. Die persönliche Verantwortlichkeit einer jeden Person ist von Bedeutung. Aktuell mehr denn je.  Die Pandemie stellt die Gesellschaft vor existentielle Fragen seiner künftigen Organisation hinsichtlich ihrer Verschränkung und Ausdehnung. Möglicherweise sind flexiblere, weit komplexere Interventionen notwendig, um mit angemessener Reaktion auf pandemische Herausforderungen reagieren zu können  als mit einem "Kahlschlag" aus politischer Panik heraus. Ganz sicher werden "pandemische" Regelungen (Pandemie = alle Völker erfasse...

Respekt und Toleranz

Es ist viel über Respekt und Toleranz gesprochen. Man hört, es gehöre irgendwie (zum gelingenden Leben), sich tolerant und respektvoll zu verhalten. Diese Begriffe zeugen von unserem Bemühen, als Individuen, als Gruppe, als Gesellschaft, Anderen mit mehr Wertschätzung zu begegnen.  Dieses Bemühen ist  Ausdruck einer postkolonialen und antifaschistischen Aufklärungsbewegung in einer freien, global gedachten Welt. Respekt und Toleranz. Werfen wir einen kurzen Blick auf die Etymologie dieser Begriffe. Unter dem Suchwort "Respekt" findet sich auf Wikipedia: (lat.  respectio " Rückschau, Einschätzung, Betrachtung") " Wieder-Schau" als wörtliche Übersetzung des lateinischen respectio bezieht sich auf die wiederholte Betrachtung und gründliche Beurteilung eines neuen Eindrucks, um die Begrenztheit und Oberflächlichkeit des ersten Blickes zu korrigieren. Erst nach kritischer Würdigung des ersten Eindrucks gelangt man zu einer anerkennenden Einschätzung und da...

Ein Plädoyer für mehr... "Schmutz"?

"Das Leben lebt. Wir sind mal unten, mal sind wir oben", lautet es richtig und weise aus einem christlichen Gebet. Das Leben will gelebt werden. Verständlicherweise suchen wir stets das Beste für uns. Der Glanz, der von uns ausgeht, fällt auf uns zurück. Die Anerkennung anderer tut uns gut. Die (unhinterfragte) Liebe, die wir zu schenken bereit sind, bereichert unser Leben. Schwieriger wird es, wenn wir für unser Leben bewundert werden. Wenn unser Selbst größer sein soll, als es tatsächlich sein kann. Neid, Missgunst, Hass werden rasch Begleiter des schönen Selbst. In alle Richtungen. So könnte man die Vertreibung aus dem Paradies ausdeuten mit einer Ausformung des dualistischen Denkens. Würde man eine nomadische Lebensart eher vergesellschaften mit einem Aufgehobensein in einer geschöpften Natur, so widersetzt sich der moderne, sesshafte Mensch dieser. Er will mehr. Nicht die quälende Abfolge von Jahreszeiten, Tag und Nacht, der Veränderung im Aussen der Natur ist sein Begeh...