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Zitate / Gedanken / Bonmots (in Arbeit)

1. Gerhard Polt im Gespräch   Gespräch mit Paul Jandl, abgedruckt in der NZZ vom 3. März (in Klammern Einwände / Anmerkungen):  "Herr Polt, Sie haben kürzlich mit dem Vorschlag aufhorchen lassen, in den Schulen Schimpfen und Fluchen als Kulturtechniken zu unterrichten. War das ernst gemeint?  In einem gewissen Alter beginnen die jungen Leute, andere zu ärgern, sich über sie lustig zu machen, Zerrbilder zu schaffen. Ich weiss, dass es Spass machen kann, zu schmähen. Das rhetorische Element wird heute überall vernachlässigt. Niemand weiss mehr, was Ironie ist und wie sie funktioniert. Die Leute können damit nicht mehr umgehen. Früher haben sie in ihren Verwünschungen unheimliche sprachliche Bilder geschaffen. Es braucht eine Rekultivierung der Beschimpfungskultur. (Fehlender Humor, der Mangel an Polts angemahnter "Beschimpfungskultur" treibt uns zunehmend zur Verzweiflung; mich treibt es dagegen mehr und mehr zur Überzeugung, dass wir mit "unserer (westlichen) Lebensa...

Der stete Wandel; ein Zeichen göttlichen Mysteriums?

Jeden Morgen füllt sich der Raum christlicher Kirchen vom Chorgestühl aus durch Gesänge dort im Wechsel sitzender oder stehender Mönchen und Nonnen. Pünktlich ertönen ihre Stimmen zum Invititorium (lat. Einladung) und beginnen somit den Tag. Mit einem ewig gleichen Ablauf wird der Tag liturgisch nach Horen (Stunden) geteilt, festgeschrieben im sogenannten Stundenbuch. Das Invititorium ist somit das erste Gebet des Tages, das gemeinschaftlich zelebriert wird. Im Laufe der Geschichte des Christentums und seiner zahlreichen Konfessionen haben diese Riten vielerlei Ausprägungen und Veränderungen erfahren. Eine Konstante allerdings bleibt, wie das Wort bereits sagt, unveränderlich. Der geregelte Ablauf dient der Verherrlichung Gottes durch die Gebete der Gläubigen. Menschen moderner, aufgeklärter Gesellschaften scheint dieser Ablauf je nach Befindung folkloristische Tradition oder aber nach wie vor sinnstiftende Kultur. Unabhängig davon scheint die Strukturierung des Tages ein...

Epilog - Bearbeitung Version 230127

EPILOG Szenenziel Das hinterlassene Taschentuch wirft viele Fragen auf. Statt das Publikum mit vielerlei Fragen zu entlassen, friert das Bild auf der Bühne ein. ca. 30sek. Spannung baut sich auf. Hofmannsthal und Tavia begegnen sich erstmalig in einer Szene. Das Tasten der suchenden Hände, das Berühren der Hände, symbolisiert das Geschehen im Fresko an der Decke der Sixtinischen Kapelle. Rollenbeschreibung: HOFMANNSTHAL Hofmannsthal referiert aus seinem "nie geschriebenen Nachwort zum Rosenkavalier". In der "Gestimmtheit" einer vergangenen Zeit trifft er auf eine ihm unbekannte neue Zeit, die er damals aber bereits vorauszusehen hoffte. Er weiß, die Zeiten haben sich geändert. Der Mensch aber ist Mensch geblieben, wie er war, wie er ist und wie er wohl auch einst sein wird. Ebenso nicht geändert hat sich die Sicht der Menschen auf die Zukunft. Sie wähnen sich bereits kurz vor dem Ziel, streben nach Glück und Sinn, fürchten die nahende Zukunft und sind daher oft pess...

Musik und Sprache, Sprache und Musik

Liebe XXXXXXX, man muss Dir gratulieren zu einem großen Wurf. XXXXXX und fast alle im Team sind begeistert! Überschütten uns und unsere Bearbeitung geradezu mit Lobeshymnen. Wie zuvor meine Bearbeitung! Endlich können wir die Arbeit mit und am Text beenden, sind im Hier und Jetzt angekommen. Die Wertschätzung, sogar der Dank des Publikums scheint uns jetzt schon gewiss! Wir haben geliefert. Ich allerdings muss zugeben, nicht ganz so begeistert zu sein. Ich bin jemand, der dort, wo Lob überschießt, Übles sogleich vermutet. "Die Sache ist recht schön und klar, und in der Suppe doch ein Haar!" vergiftete vor kurzem eine "Teufelin", verkleidet als Teufel, den Spaß vom "Sauberwaschen" Jedermanns. Was dort bei unserer frauJEDERmann noch recht unschuldig daherkam, droht hier allzu offensichtlich zum Programm zu werden. Das große Aufräumen hat begonnen. "Fotze", "Fuck", "Universum", "Perpetuum mobile", diese unschönen, ander...

Zeit und Ziel vom Rosenkavalier Rodauns

Das Gefühl vom Vergehen der Zeit ist von Alters her verknüpft mit der Verschriftlichung von Sprache. Die Aufzeichnung des gesprochenen Wortes lässt Geschichte, zeitaktuell im Hinblick auf Vergangenes und versehen mit vielerlei Fragestellungen, erfahrbar machen. Gegossen in Literatur wird sie zum kulturellen Vermächtnis. Zugang zum Vergehen der Zeit könnte uns ein "weit hinaus blickendes" Theaterstück, neu inszeniert und in plausibler Aufführung, verschaffen. In ihm erhielte Geschichte Kontur und brächte gar ein wenig Licht in die uns vorauseilende Zukunft. So wäre die Hoffnung. Die weitreichend "unbedingte", daher flau dahinfließende Not unserer Zeit, erhielte in geschichtlicher Anmutung etwas mehr an "Dinglichkeit", und somit Zugriff in der Gestaltung von Gegenwart. Mit einem Blick, ausgehend von der Not unserer Zeit, hinein in die Vergangenheit gewönnen wir einen hoffnungsvollen Ausblick in unsere Zukunft. Kein Zeitalter zuvor hat bewirkt, dass uns die W...

Der Ochs und seine verlorene Welt

Der OCHS ist Zeuge einer vergehenden Kultur. Die uns andererseits höchstlebendig den Weg in eine neue Lebenswirklichkeit weist. Dies ist der Horizont, den ich weiter " aufreissen " möchte, um das geistige Erbe, das uns Hugo von Hofmannsthal mit seinem schriftstellerischen Werk, insbesondere mit dem Rosenkavalier und seiner Hauptfigur den Ochs von Lerchenau hinterlassen hat, in den Blick zu nehmen. Denn mit seinen Worten tauchen wir ein in eine Kultur der Erinnerung. Eine Art " Offenbarungswerk ", das unseren Blick öffnen soll für das " Mögliche ". Zunächst dürfen wir darüber staunen, wie unterschiedlich wir mit unserem Team Figuren aus dem Stück erkennen und weiter entwickeln wollen. Hier stehen nichts weniger als " Lebenswirklichkeiten " zur Diskussion. Erinnern wir uns: bei der ersten Darstellung unserer frauJEDERmann gab es aus meiner Sicht eine denkwürdige Aussage, die von da an die Auseinandersetzung mit und um den Stoff befeuerte. Im Prolog...

Der Rosenkavalier im Zeichen von #MeToo oder im Lied von der Freiheit?

Das Regiebuch zum "Rodauner Rosenkavalier" kaum begonnen, steht es bereits wieder vor seiner Fertigstellung. Wir als Gestalter seines Inhalts versuchen uns an ihm wie Textakrobaten an der Gewinnung geistiger Verfasstheit. Bevor von uns ein allzu frühes Schlusswort gesetzt wird, empfiehlt es sich unbedingt noch einmal einen Schritt zurück zu setzen. Entlang welchen Ziels sollen sich unsere Bemühungen entwickeln, den Geist seiner Schöpfer Hofmannsthal, Strauss, ihrer vielen Vorgänger und Begleiter, in Spannung zu setzen zum drängenden Zeitgeist? Geben wir diesem Ziel ausreichend Zeit zur Entfaltung oder wollen wir unser Ziel eher an der gegenwärtigen MeToo-Debatte kondensieren, um einen größtmöglichen Effekt unter Begrenzung der Möglichkeiten unserer Zeit zu setzen? Wollen wir uns in aktuelle Bedrängnisse unserer Zeit einstimmen oder ihm andererseits doch auch Widerstand entgegen stellen? Öffnen wir in unserem Haus Fenster und Türen, geben dem Erleben von Zeit Raum, oder schlie...

Werden und Vergehen - Gedanken zur Zeit des Advent

"Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.      Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los. Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süsse in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben." Mit dieser einerseits rührend melancholischen, andererseits den Blick darüber hinaus weitenden Dichtens an der Vergänglichkeit allen irdischen Seins, gelingt es Rainer Maria Rilke die Botschaften des Herbstes durch die besondere Rhytmisierung dieser Reime dem vermeintlichen Ende des Vergänglichen einen Impuls hin zu einer viel größeren Wirklichkeit hin zu öffnen.  Wir leben hier und jetzt in der Zeit und diese Zeit ist vergänglich, weil Teil der Schöpfung. Was aber "letze...

Der Rosenkavalier - Komödie nach Hofmannsthal?

Lieber XXXXX, Der Rosenkavalier "aus unserer Feder" bekommt deutlich neue Wesenszüge. Das ist gut so und muss auch so sein. Dennoch gilt es gut abzuwägen. Wie bereits "angedroht" will ich noch einmal einen Schritt zurück in grundsätzlichere Überlegungen unternehmen. Deine Idee dem Stück einen neue, in der Jetztzeit spielende Anfangsszene zu schenken, halte ich weiterhin ohne Einschränkung für brilliant. Wir sollten deshalb die Möglichkeiten für unser Stück, die sich aus diesem Kunstgriff ergeben, versuchen noch weiter auszuloten. Aus zweierlei Gründen, die miteinander verschränkt sind und sich gegenseitig bedingen. 1.) Es wird deutlich, dass es sich nunmehr um eine zeitaktuelle Fassung des immerwährenden Spiels um die Darstellung gesellschaftlicher und persönlicher Machtverhältnisse und deren Auswirkungen auf uns als Wertegemeinschaft geht. Geht es denn jemals um etwas anderes im Theater? Die eigentliche Handlung des Rosenkavaliers dient uns somit im Wesentlichen nu...

Der Antinarzisst im Schauspiel

Glaubensätze gab es zu allen Zeiten. So viele wie heutzutage, mit großer Wahrscheinlichkeit nie zuvor. Ein fast amüsantes Paradox unserer Wissensgesellschaft. Nun, mit gesundem Skeptizismus ausgestattete Zeitgenossen sehen darin wenig überraschendes. Denn "Wissen", das wir als Gesellschaft derzeit geradezu als Ideal anhimmeln, kann seine Kraft allein deshalb entfalten, weil wir an seine Kraft all unseren Glauben binden. DAS Wort unserer Zeit hört auf den Namen "Narziss". Wir, als Individuum, MÜSSEN uns selbst genug sein. Aber verlieren wir uns somit nicht als gemeinschaftliche Wesen? Wo bleibt der Kitt, der die Welt im Innersten zudammenhält? Wird die Gesellschaft so nicht gespalten in lauter "Ich-AGs"? Self-Inhancement versus Solidargemeinschaft? Nun, ganz so pessimistisch muss man die Reflexion gar nicht anlegen; selbstverständlich findet sich doch hierin auch viel sehr Gutes; die so überaus süße "Verführung" zum ausgelassen-unbeschwerten Leben...

Angst und Autorität

Einmal sagtest Du zu mir (in ungefähr diesen Worten): "Papa, es war nicht leicht für mich, als deine Tochter. War Zorn auf deinem Gesicht, war es zum Fürchten. So wurde es zu meiner Angewohnheit, Dein Gesicht immer lesen zu müssen. War auf ihm Frieden, dann galt dieser Friede auch mir!" Als ich diese Botschaft vernahm, Du warst bereits spät in deinen Zwanzigern, da erschreckte sie mich sehr. Mir war nicht bewusst, wie heftig meine Stimmung damals zum Gradmesser deiner Zuwendung für mich werden musste. Es gibt keine Entschuldigung dafür; hätte ich es doch wissen müssen! Ging es mir doch ganz genauso so, als ich noch selbst Kind war. Der Zorn des Vaters, die physische Bedrohung, die sich hinter seinen Falten im Gesicht abbildete, sie ist mir jetzt noch, wo ich mich selbst dem hohen Alter nähere, allgegenwärtig. Nicht, dass sie sich weiterhin vor mir noch aufbaute; aber sie hat ihr Abbild, damals als ich noch Kind war, in mir errichtet. Die Androhung zur Ermächtigung über unsere...

frauJEDERmann wurde zu Grabe getragen? Ist sie deshalb gleich tot?

Die letzte Aufführung der frauJEDERmann ist bereits Vergangenheit. Sie wurde von uns feierlich zu Grabe getragen. Noch lange nicht ist sie deshalb tot. Sie lebt weiter in uns fort, die wir sie lieben lernen durften, indem wir uns ihrem "Geist" aus Herz und Mund und Tat und Leben anvertraut haben.  Jetzt kommt die Zeit der Besinnung. Was bleibt uns von dieser großartigen Partitur des Stückes? Was bleibt von der Inszenierung, ihrer hymnischen Vertonung, ihrer Leiblichkeit, der wir auf der Bühne Form und Gestalt gaben, indem wir sie zur Aufführung brachten? Bevor unser nächstes Stück dem gleichen Prozess anheimfallen wird. Die Wiederaufnahme der frauJEDERmann hinterlässt in mir einen recht ambivalenten Eindruck. Einerseits wieder das erhebende Gefühl im Dialog von Figur und Publikum. Im Hier und Jetzt des Augenblicks. Jedoch das große Faszinosum aus dem vergangenen Jahr hatte sich mir nicht mehr wirklich einstellen wollen. Zwar hatte ich mich im Spiel selbst schon noch dazu aufr...